Der objektive Verbrecher

Der französische Literaturnobelpreisträger Albert Camus kommentierte den Rajk-Prozess in seinem Tagebuch. Hier äußert er Kritik an der Vorstellung vom Verbrecher, der sein eigenes Handeln und seine Taten umfassend objektiv beurteilen kann und sich des Bruchs zwischen Recht und Unrecht, also der Übertretung des Rechts sowie des Unrechts der Taten stets bewusst sind. Gleichsam in dieser Kritik enthalten ist der Zweifel daran, ob sich Täter reflektiert und objektiv der eigenen Motive und Intentionen stets bewusst sind, wobei hierbei weniger auf subjektive Entscheidungsprozesse, als auf objektive Ansichten und Ideologien abgestellt wird. In der verbotenen Handlung scheint so bereits der Vorsatz immanent zu sein, objektiver und subjektiver Straftatbestand fallen zusammen.

Auch im Prozess gegen László Rajk wird weder von den Angeklagten noch vom Richter oder Volksanwalt Bezug auf die subjektive Seite der Tat, auf Entscheidungsprozesse und Motivationen genommen. Stattdessen wird bereits bei der Feststellung der Personalien der Angeklagten damit begonnen, jedem Täter einen objektiven Vorsatz für die Gesamttat zuzuschreiben. Dieser Allgemeinvorsatz umfasst meist diffamierende, der sozialistischen und kommunistischen Ideologie entgegenstehende Eigenschaften. So bezeichnen sich die Angeklagten selbst als nationalistisch, faschistisch oder kapitalistisch eingestellt. Die Frage, warum Täter handeln, wie sie handeln, wird nur mit dogmatischen und ideologischen Antworten repliziert. Zudem sind beide oben erwähnten Aspekte, das Unrecht der Tat und die zugrunde liegende eigene objektive Motivation, den Beschuldigten vollkommen bewusst und auch nach reflektierter Selbsteinschätzung stets für ihr Handeln ursächlich. Vor allem vor diesem Hintergrund scheint Camus’ Kritik – sowohl an den „objektiven Verbrechern“ im Rajk-Prozess, als auch in der Jurisdiktion in abstracto – legitim und berechtigt zu sein.

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