Michael Burn und die Times

Einer der englischen Journalisten, die den Prozess gegen József Mindszenty beobachteten, war Michael Burn. Als Korrespondent der Londoner Zeitung The Times berichtete er täglich von der Verhandlung. Michael Burn war in den 30er Jahren ein Verehrer der Nazis gewesen und hatte auf Einladung Hitlers 1935 am Nürnberger Reichsparteitag teilgenommen. Nach einem Besuch im KZ Dachau änderte sich sein politisches Denken. Im Zweiten Weltkrieg geriet er in Kriegsgefangenschaft und galt unter seinen Mithäftlingen als pro-kommunistisch. Ab 1947 berichtete er als Times-Korrespondent aus Budapest.(1) Dort knüpfte er Kontakte zur kommunistischen Presse.(2) Unter den Korrespondenten, die beim Mindszenty-Prozess eine Erklärung über die Freiheit der Berichterstattung unterschrieben, zählte er zu den Sympathisanten der kommunistischen Staaten. Ihm wurde vorgeworfen, dass seine Berichte nicht kritisch genug seien.(3)

Burn beschrieb den Gerichtssaal als bedrückend klein und dunkel.(4) Er hatte von Mindszenty den Eindruck, dass er sich entgegen der allgemeinen Erwartungen in guter Verfassung befand und seine Worte genau abwägen konnte. Trotz der langen Inhaftierung hätte es keine Anzeichen von Gewaltanwendung gegeben. Er befand aber, dass man das Bild des zum Martyrium entschlossenen Kardinals revidieren müsse.(5)

Die letzte Rede Mindszentys im Prozess hielt Burn weniger für eine Verteidigung als für einen Versuch der Strafmilderung. Er habe dabei kein Wort über seine Mitangeklagten verloren, von denen er isoliert gewesen sein soll. Die freundlichste Erklärung dafür sei gewesen, dass Mindszenty keine Ahnung von den Auswirkungen seiner Taten hatte und dass sein schneller Aufstieg vom einfachen Pfarrer zum Kardinal innerhalb von fünf Jahren ein großer Fehler gewesen sei. Eine andere Erklärung wäre, dass er die Auswirkungen kannte, aber nicht erwartet hatte, ihnen gegenübertreten zu müssen. Sein Ansehen unter der Bevölkerung sei während des Prozesses gesunken.(6)

Michael Burn befasste sich sehr kritisch mit dem Kardinal: Er sah in ihm nicht nur ein Opfer, sondern gab ihm eine Mitschuld. In der Prozessanalyse bezog sich seine Kritik hauptsächlich auf formale Aspekte, wie zum Beispiel, dass der schwerhörige Angeklagte László Tóth keine schriftliche Kopie seines Urteils bekam.(7) Diese Haltung ist vermutlich durch seine politische Nähe zum Kommunismus zu erklären, die vielen der beim Prozess anwesenden westlichen Korrespondenten vorgeworfen wurde und damit die Berichterstattung beeinflusste.(8)

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