Prozess Herwegen, Brundert und Komplicen


Unter diesem Titel mussten sich vom 24. bis 29. April 1950 auf der Bühne des Anhaltischen Landestheaters in Dessau acht Angeklagte – einem weiteren Angeklagten war die Flucht in den Westen gelungen – vor dem Obersten Gericht der DDR wegen vermeintlicher Wirtschaftssabotage verantworten. Ihnen wurde vorgeworfen, die Enteignung der in Dessau ansässigen Deutschen Continental Gas Gesellschaft (DCGG) behindert und Vermögenswerte in Höhe von 100 Millionen Reichsmark in die Bundesrepublik verschoben zu haben.(1)

Ausgangspunkt des Prozesses waren die Ermittlungen der Zentralen Kommission für Staatliche Kontrolle (ZKStK) unter der Leitung von Fritz Lange.(2) Im Oktober 1949 genehmigte Walter Ulbricht ihm gegenüber persönlich, aus dem angestrebten Verfahren eine „politische Aktion“ zu machen.(3) Langes Behörde bereitete daraufhin gemeinsam mit dem Obergeneralstaatsanwalt der DDR Ernst Melsheimer die Anklageschrift vor. Dabei wurden die Ermittlungen so geführt, dass der Prozess „das richtige politische Gesicht“ erhalte.(4) Wie genau dieses „Gesicht“ auszusehen habe, spezifizierte das Politbüro der SED im Februar 1950: Der Prozess sei so zu führen, dass das „Monopolkapital“ als Auftraggeber der Sabotage erscheine. Dabei wurde auch beschlossen, dass der Prozess in Dessau vor ausgewähltem Publikum und der gesamten Presse stattfinden solle.(5)

Entsprechend dieser Vorgaben eröffnete die Vorsitzende Richterin Hilde Benjamin das Verfahren am 24. April unter den Augen von 1.200 Zuschauern aus der gesamten DDR und Pressevertretern aus Ost und West. Koordiniert von Fritz Lange führte sie gemeinsam mit Melsheimer den Prozess, so dass die westlichen „Hintermänner“ als treibende Kraft erschienen. Dieser Sichtweise folgte auch das Urteil. Gegen keinen der Angeklagten verhängte das Gericht die Höchststrafe, sondern verurteilte sie zu Haftstrafen zwischen zwei und fünfzehn Jahren. Den vermeintlichen Drahtziehern hingegen blieb die Todesstrafe vorbehalten. Durch die Inszenierung im Gerichtssaal und in den Medien wurde sichergestellt, dass diese Botschaften einer möglichst breiten Masse vermittelt wurden.

Angeklagter
Partei
Frühere Funktion
Funktion bei der “Sabotage”
Strafe
Leo Herwegen CDU Minister für Arbeit und Sozialpolitik in Sachsen-Anhalt DCGG-Aufsichtsrat 15 Jahre
Willi Brundert SPD/SED   Ministerialdirektor im Wirtschaftsministerium,
Sachsen-Anhalt
15 Jahre
Friedrich Methfessel CDU Kaufmännischer Direktor
und Vorstandsmitglied der DCGG
DCGG-Treuhänder 15 Jahre
Hermann Müller CDU Technischer Direktor
und Vorstandsmitglied der DCGG
DCGG-Treuhänder 12 Jahre
Leopold Kaatz SPD/SED Direktor der Dessauer Zuckerraffinerie
sowie der örtlichen Industrie- und Handelskammer
DCGG-Aufsichtsrat 12 Jahre
Paul Heil     Notar 8 Jahre
Ernst Pauli LDPD   Wirtschaftsbeauftragter, Stadt Dessau 7 Jahre
Ernst Simon   Direktor des Landgerichts Rechtsanwalt 4 Jahre
Heinrich Scharf CDU Direktoriumsmitglied der Landeskreditbank Sachsen-Anhalt DCGG-Aufsichtsrat 2 Jahre

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