Die Angeklagten

Im sogenannten „Prozess gegen Dr. Silgradt und andere“ standen vier Angeklagte vor Gericht. Der Hauptangeklagte, Wolfgang Silgradt, studierte Journalismus, Volkswirtschaftslehre und Soziologie. 1934 promovierte er, ab 1940 hatte er als Journalist Schreibverbot. Nach Kriegsende wurde Silgradt Kreistagsabgeordneter für die LPD in Leipzig, im August 1951 floh er nach Westberlin, wo er für CDU und FDP arbeitete. Schon für das Jahr 1950 wird ihm Spionagetätigkeit im Auftrag des Ostbüros der CDU vorgeworfen. Berichte, die Silgradt über die Industrie und Landwirtschaft der DDR angefertigt hatte, und die von Stasimitarbeitern aus seiner Westberliner Wohnung gestohlen worden waren, lagen dem Gericht vor. Der Angeklagte habe dadurch aktiv an der Vorbereitung der Wiedervereinigung Deutschlands mitgewirkt, die laut Urteil durch einen „Putsch“ und militärische Einwirkung hergestellt werden sollte. Für mehrere westdeutsche Zeitungen schrieb Silgradt laut Urteil „Hetzartikel“. Auch seine spätere Tätigkeit in der Liga für Menschenrechte und als Vertreter für die FDP in zwei Sitzungen des Forschungsbeirates wurde zum Gegenstand des Prozesses. Wegen dieser Tätigkeiten lautete die Anklage auf Spionage, Sabotage und Kriegsvorbereitung. Neben Wolfgang Silgradt saß Werner Mangelsdorf, der einzige aktive Teilnehmer am Aufstand des 17. Juni, als zweiter Hauptangeklagter vor Gericht. Hans Füldner und Horst Gassa spielten eine untergeordnete Rolle in dem Prozess. Sie hatten im Auftrag des Ostbüros der FDP Flugblätter in der DDR verteilt und so angeblich neue Spione angeworben. Hans Füldner war bereits Ende 1949 nach Westdeutschland geflohen, Horst Gassa setzte sich im Mai 1951 nach Westberlin ab. Einige Monate vor Prozessbeginn wurden alle Angeklagten von der Stasi nach Ostberlin gelockt und dort verhaftet.

Im Schauprozess selbst wird immer wieder auf die Biografien der Angeklagten eingegangen. Es entsteht der Eindruck, dass nicht Strafdelikte die Ursache der Verurteilung waren, sondern die Republikflucht der Angeklagten, eine Mitgliedschaft in oppositionellen Organisationen, die von der DDR-Spitze als gefährlich eingestuft wurden sowie ein Arbeitsplatz – und sei es nur als Aushilfsjournalist – bei westlichen Medien oder Parteien. Die Angeklagten wurden offiziell wegen der Vorbereitung des „Tages X“ angeklagt, als „Drahtzieher“ bzw. „Hintermänner“, doch wird in der Anklageschrift auch auf ihre Handlungen nach dem 17. Juni eingegangen. Dies gilt etwa für Mangelsdorf, der an der Gründung des Komitees 17. Juni beteiligt war, einer Organisation, die sich für die Freilassung politischer Gefangener sowie für das politische Erbe des Aufstandes einsetzte.

Die HauptangeklagtenDie Hauptangeklagten

Werner MangelsdorfWerner Mangelsdorf

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